Der alte Mann und das Netz
von Jay Goltz
Begonnen habe ich als Einzelhändler. Doch mit der Zeit musste ich einsehen, dass ich im Grunde auch Hersteller war. Schließlich entwickelte ich mich zum Wiederverkäufer, zum Direktverkäufer und jetzt zum Onlinehändler. Die ersten drei Entwicklungsschritte verliefen langsam und mühevoll, aber ich habe es hinbekommen. Der letzte Schritt aber, der zum Onlinehändler, ist ein besonderer. Denn nun geht es nicht nur um Menschen oder Probleme, sondern um eine völlig neue Welt.
Es kam nur langsam bei mir an, dieses Internet. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um die machtvollste Entwicklung seit der industriellen Revolution, aber bei mir fiel der Groschen ein wenig spät. Erst spät erkannte ich zum Beispiel, dass ich für mein Geschäft mit individuellen Bilderrahmen eine bessere Onlinepräsenz brauchte. Aber in den letzten Jahren habe ich aufgeholt. Mein Heimmöbelgeschäft hat eine Internetseite, und diese verkauft inzwischen ordentlich - obwohl die meisten Besucher noch immer über Berichte in Einrichtungszeitschriften kommen (unsere Produkte sind cool).
Außerdem betreibe ich eine Seite mit Produkten für Rahmenbauer und zwei weitere für Büroausstattungen (eine für Einrichtungsberatung, die andere für versandfertig gerahmte Bilder), aber deren Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Eine Seite, die ich als persönliches Sprachrohr nutze, generiert trotz regelmäßiger Aufrufe noch zu wenige Aufträge. Eine weitere ist derzeit im Aufbau.
Dies ist das Bild, das ich neulich in meiner Business Group, einem Gesprächskreis von Geschäftsleuten, gezeichnet habe. (...) Die Einblicke, die man bei dem Austausch mit anderen Unternehmern - auch aus anderen Bereichen - gewinnt, sind phänomenal. Nach meinen Ausführungen und der Erklärung, dass ich mich inzwischen mehr und mehr ans Internet gebunden sehe, sagte der Computerexperte in der Runde: "Sie brauchen einen Leiter dafür."
Mir wurde schlagartig klar, dass er recht hatte. Und ja, bei weiteren Treffen mit dem Computerexperten wurde mir klar, dass wir unterschiedliche Sprachen sprechen. Er hat ganz andere Fähigkeiten, Einblicke und Perspektiven. Er kommt von einem anderen Planeten, und ich bin nur ein Erdling. Andersherum ist es genauso: Während der Computermann äußerst hilfreich dabei ist, anderen die komplexe Technik zu erläutern, können wir alten Leute ihm zum Beispiel bei Themen wie Organisation und Immobilien helfen, die bei einem schnell wachsenden Unternehmen auftreten. Die Business Group ist damit keine Unterstützergruppe, sondern eine "Schlaumachgruppe". Der Gedanke dahinter: Hör auf, alles selbst verstehen zu wollen.
(...)
Keiner meiner Mitarbeiter hat je in einem Technologieunternehmen gearbeitet. Als ich von besagtem Treffen zurückkam und davon erzählte, dass wir wohl einen Internet-Leiter bräuchten, antworteten zwei meiner wichtigsten Leute gleichlautend: Wir müssen die gesamte Organisationsstruktur überdenken.
Das hätte mir bereits ein Jahr zuvor klar sein sollen, aber ich hatte mich auf meine Produktionsstätten und Kostenreduzierung konzentriert. Dies illustriert unser heutiges Geschäftsleben recht gut. Wir kommen ganz langsam aus einer schlimmen Rezession heraus und drehen jede Münze einzeln um - aber wir sollten in Technik investieren. (...)
Bald werde ich sieben Internetseiten betreiben: drei für E-Commerce und die anderen fürs Marketing. Und wir wissen gerade genug, um sie erfolgreich zu machen. Wir glauben, dass wir genug Richtiges tun - aber dies widerspricht meiner Geschäftsphilosophie. Ich will nicht genug tun, sondern es (im Rahmen des wirtschaftlich Sinnvollen) so gut wie möglich machen. Wir sind keine Experten, aber in dieser neuen Welt müssen wir es sein, um unser Potenzial auszuschöpfen. Bei unseren wenigen Internetseiten war ich davon ausgegangen, dass wir die meiste Arbeit daran im eigenen Haus würden erledigen können. Aber nach den Gesprächen mit Leuten, die etwas davon verstehen, akzeptiere ich inzwischen, dass wir nie so effizient sein können wie jene, die damit Ihr Geld verdienen. Die Technik ändert sich einfach zu schnell.
Wir sprechen mit verschiedenen Firmen über die Überarbeitung unserer Seiten und Online-Kampagnen. Ich glaube, dass zunehmende Verkäufe diese Investitionen wieder wettmachen werden. Dies ist der Unterschied zum klassischen Verkauf und dem im Netz: Sofortige Ergebnisse. Ich ändere meine Perspektiven, um in dieser neuen Welt handeln zu können. Wenn es nötig sein sollte, würde ich sogar eine Tischtennisplatte und ein paar bequeme Sofas aufstellen. Wir sehen uns auf der anderen Seite.
Jay Goltz ist Inhaber von fünf Kleinunternehmen in Chicago
(übersetzt aus dem Englischen; der Originaltext erschien am 11. Januar 2011 in der Online-Ausgabe der New York Times)
http://boss.blogs.nytimes.com/2011/01/11/the-old-man-and-the-internet/

